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Warum Öl über 100 Dollar steht — und was das für die Weltwirtschaft bedeutet

Seit Monaten taucht die Lage am Golf als Nebensatz in fast jedem Marktbericht auf. Jetzt steht der Ölpreis über 100 US-Dollar — und die Gründe reichen von einer gescheiterten Diplomatie-Runde bis zu einem Schiffsverkehr, der auf einen Bruchteil des Normalniveaus gefallen ist. Ein Überblick über eine der am längsten unterschätzten Geschichten des Jahres.

CONSUS NEWS 16. September 2026 Rohstoffe 8 Min. Lesezeit

Bildungsartikel: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Bildung. Keine Anlageberatung. Keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.

Das Wichtigste in Kürze
  • Brent-Rohöl kletterte am Montag auf rund 109 US-Dollar — den höchsten Stand seit Mai —, nachdem ein für denselben Tag geplantes Diplomatie-Treffen zwischen dem Iran und den Golfstaaten in Oman auf unbestimmte Zeit verschoben wurde
  • Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus liegt laut Berichten weiterhin bei einem Bruchteil des Vorkriegsniveaus — an einem Wochenende Mitte September wurden nur 14 Schiffsbewegungen gezählt, gegenüber mehr als 100 pro Tag vor Kriegsbeginn
  • Die Internationale Energieagentur (IEA) senkte ihre globale Ölnachfrageprognose für 2026 um weitere 940.000 Barrel pro Tag, während die US-Energiebehörde EIA ihre Brent-Jahresprognose zuletzt auf 91 US-Dollar anhob

Seit Ende Februar befinden sich die USA, Israel und der Iran in einem militärischen Konflikt, der die Straße von Hormus — durch die unter normalen Umständen rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung transportiert wird — phasenweise praktisch lahmgelegt hat. Ein Waffenstillstand im Frühjahr und ein im Juni unterzeichnetes Abkommen sorgten kurzzeitig für Entspannung, bevor beides im Juli zusammenbrach. Seitdem hat sich die Lage schrittweise weiter zugespitzt.

Diese Woche markiert einen vorläufigen Höhepunkt: eine geplatzte Diplomatie-Runde, neue Angriffe auf Schiffe — und ein Ölpreis, der Marken erreicht, die es seit Mai nicht mehr gab.

Was am Golf gerade passiert

Vor Kriegsbeginn passierten täglich mehr als 100 Schiffe die Straße von Hormus. Seither ist dieser Verkehr laut mehreren Quellen um rund 95 % eingebrochen. Die USA behaupten zwar, inzwischen wieder rund zwei Drittel der früheren Öl-Durchflussmengen zu ermöglichen — unabhängige Schiffsverfolgungsdaten zeichnen jedoch ein anderes Bild: An einem Wochenende Mitte September wurden lediglich 14 Schiffsbewegungen gezählt. Die Kriegsrisiko-Versicherungsprämien für Tanker sind von rund 0,25 % des Schiffswerts vor dem Konflikt auf mittlerweile 3 bis 10 % gestiegen.

~109 $
Brent-Öl, Wochenhoch (Mo)
Höchster Stand seit Mai
14
Schiffsbewegungen/Wochenende
Vorkrieg: über 100/Tag
3–10 %
Kriegsrisiko-Versicherung
Vorkrieg: ~0,25 %
Zum Einordnen — aktuelle Preise & Prognosen

WTI-Öl: ~102–104 USD · Brent-Öl: ~107–108 USD, rund 9 % über dem Stand von vor einer Woche

EIA-Jahresprognose 2026 (Brent): 91 USD im Schnitt (zuvor 87 USD) · IEA-Nachfrageprognose 2026: −2,5 Mio. Barrel/Tag, erneut um 940.000 Barrel/Tag gesenkt

Quelle: EIA Short-Term Energy Outlook (9.9.), IEA Oil Market Report (11.9.), Marktdaten diverser Anbieter — Stand 15./16. September 2026

Warum die Diplomatie zuletzt scheiterte

Für Montag war ein Treffen zwischen dem iranischen Außenminister und Vertretern der Golfstaaten im omanischen Salalah geplant, um eine vorläufige Regelung für den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus zu besprechen. Oman gab am Samstag zuvor bekannt, das Treffen zu verschieben, „um Bedingungen für einen konstruktiven Dialog zu schaffen". Berichten zufolge hatte vor allem Saudi-Arabien auf eine Verschiebung gedrängt — aus Frustration über anhaltende Angriffe der iranisch unterstützten Huthi-Miliz auf saudisches Gebiet. Bahrain hatte bereits zuvor erklärt, an einem solchen Treffen ohnehin nicht teilnehmen zu wollen, solange keine diplomatischen Beziehungen zum Iran bestehen.

Die gescheiterte Diplomatie-Runde traf zeitlich mit neuen Huthi-Angriffen auf saudische Anlagen zusammen — eine Kombination, die den Ölpreis am Montag auf ein Vier-Monats-Hoch trieb.

Was das für die Inflation bedeutet

Der Ölpreisanstieg lässt sich inzwischen direkt in den US-Inflationsdaten ablesen. Im August-Verbraucherpreisindex stieg die Energiekomponente um 2,1 % zum Vormonat und 16,3 % zum Vorjahr — Benzin allein war für mehr als ein Drittel des gesamten monatlichen Anstiegs verantwortlich. Bei den Erzeugerpreisen kletterte der Dieselpreis sogar um 24,1 % zum Vormonat. Ökonomin Kathy Bostjancic von Nationwide kommentierte den Erzeugerpreisbericht mit den Worten, der erneute Anstieg bei Öl, Benzin und Diesel verstärke die Sorge, dass sich höhere Energiepreise auf andere Güter und die Inflationserwartungen übertragen könnten.

Einordnung

Die heutige Fed-Zinsentscheidung fällt damit in ein Umfeld, in dem die Energiepreise einen sichtbaren, eigenständigen Beitrag zur Inflation leisten — unabhängig davon, wie sich die zugrunde liegende Kerninflation sonst entwickelt.

Wie Analysten die Lage einschätzen

Mehrere Großbanken haben ihre Ölpreis-Prognosen in den vergangenen Wochen angehoben — bemerkenswert ist dabei, dass die meisten Jahresdurchschnitts-Schätzungen für 2026 weiterhin spürbar unter dem aktuellen Spotpreis liegen.

Angehobene Prognosen

Banken erwarten anhaltend hohe Preise

Bank of America (Brent 83 USD, H2/2026), Goldman Sachs (85 USD), HSBC (90 USD) und Commerzbank (85 USD) haben ihre Ziele zuletzt angehoben — Goldman warnt vor einem möglichen Anstieg über 120 USD bei anhaltenden Störungen.

Aber unter dem Spotpreis

Erwartete Beruhigung eingepreist

Da diese Jahresdurchschnitte klar unter dem aktuellen Niveau von rund 107 bis 108 USD liegen, deutet das selbst bei den optimistischeren Häusern auf eine erwartete Abschwächung im weiteren Jahresverlauf hin.

Risiken und Gegenargumente

Mehrere Faktoren sprechen gegen eine einseitige „Öl nur nach oben"-Erzählung. Vor der erneuten Eskalation im Juli hatten sowohl die IEA als auch die OPEC vor einem strukturellen Angebotsüberschuss für 2026 gewarnt — ein Grund, warum viele Bankprognosen für den weiteren Jahresverlauf niedriger liegen als der aktuelle Preis. Die IEA selbst kappte ihre Nachfrageprognose gerade wegen der hohen Preise, was auf einen gewissen selbstbegrenzenden Effekt hindeutet: Teures Öl dämpft irgendwann seine eigene Nachfrage. Zusätzliche Pipeline-Kapazitäten über Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate könnten einen Teil des Hormus-Ausfalls auffangen, auch wenn Berichten zufolge zumindest eine dieser Pipelines zeitweise selbst Ziel von Angriffen war.

Einordnung: Die spekulative Netto-Long-Positionierung bei WTI-Öl ist laut CFTC-Daten zuletzt auf ein Jahreshoch gestiegen — ein Hinweis auf zunehmend einseitige Markterwartungen. Historisch ist eine derart aufgebaute Positionierung mit einem erhöhten Risiko für abrupte Kursbewegungen verbunden, sollte sich die Lage unerwartet entspannen.

Wer die Kosten trägt

Der Preisanstieg zeigt sich längst jenseits der Zapfsäule. Der internationale Luftfahrtverband IATA rechnete bereits im Juni — auf Basis eines damals noch niedrigeren Brent-Preises von rund 95 US-Dollar — mit einem Anstieg der weltweiten Treibstoffkosten der Fluggesellschaften um rund 40 % auf 350 Milliarden US-Dollar für 2026, bei einer Halbierung der Branchengewinne. American Airlines bezifferte die zusätzliche Treibstoffbelastung für das Gesamtjahr zuletzt auf mehr als 4 Milliarden US-Dollar, United Airlines auf fast 6 Milliarden US-Dollar. Auch in der Logistikbranche schlägt sich der Anstieg nieder: Bei der Eisenbahngesellschaft BNSF verdoppelten sich die Einnahmen aus Treibstoffzuschlägen im ersten Halbjahr 2026 auf rund 1,3 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Synthese

Die Geschichte hinter dem Ölpreis ist komplexer als eine einfache Angst-Prämie: ein faktisch unterbrochener Transportweg, gescheiterte Diplomatie, sich widersprechende offizielle Angaben zur tatsächlichen Verkehrslage — und Analysten, die trotz angehobener Prognosen mehrheitlich von einer Beruhigung im Jahresverlauf ausgehen. Wie sich diese Gemengelage auflöst, dürfte maßgeblich davon abhängen, ob und wann die verschobene Diplomatie-Runde in Oman nachgeholt wird.

CONSUS Kompass
WTI-Rohöl · 16. Sep 2026
SchwächeNeutralStärke
Tendenz: leichte Stärke — die Angebotsstörung ist real und gut belegt, doch Analysten erwarten mehrheitlich eine Beruhigung im Jahresverlauf
Trend
Stärke
USD-Kurs
Gemischt
Notenbanken
Gemischt
Positionierung
Stärke
Analysten
Gemischt

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