Einstimmig, aber nicht das letzte Wort — die Fed erhöht zum ersten Mal seit 2023
Die Fed hat die Zinsen zum ersten Mal seit 2023 angehoben — einstimmig, mit 12 zu 0 Stimmen. Die neue Zinsprognose zeigt: 16 von 18 Mitgliedern erwarten bis Jahresende mindestens einen weiteren Schritt. Die Aktienmärkte drehten während Fed-Chef Kevin Warshs Pressekonferenz von Gewinnen ins Minus.
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- Die Fed erhöhte den Leitzins einstimmig (12:0) um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 bis 4,00 % — die erste Erhöhung seit 2023. Die neue Zinsprognose (Dot Plot) zeigt: 16 von 18 Mitgliedern erwarten bis Jahresende mindestens einen weiteren Zinsschritt
- Die Einzelhandelsumsätze für August übertrafen mit +1,2 % die Erwartungen deutlich (Kerngruppe sogar +1,4 %) — noch vor der eigentlichen Fed-Entscheidung veröffentlicht
- Die Aktienmärkte drehten während Warshs Pressekonferenz von zwischenzeitlichen Gewinnen ins Minus: Der Dow verlor 1,21 %, der S&P 500 0,45 %, während der Dollar-Index auf den höchsten Stand seit Ende Juli kletterte
Wochenlang hatte sich der Markt auf diesen Mittwoch vorbereitet — mit einer eingepreisten Wahrscheinlichkeit von zuletzt rund 93 %. Nun ist die Entscheidung gefallen: Die Fed hat ihren Leitzins zum ersten Mal seit 2023 angehoben, und zwar einstimmig. Doch wer gehofft hatte, damit sei die Zinsdebatte vorerst beendet, wurde von der begleitenden Zinsprognose eines Besseren belehrt.
Die eigentliche Geschichte des Tages spielte sich ohnehin erst nach der Entscheidung selbst ab — in Fed-Chef Kevin Warshs Pressekonferenz.
Die Entscheidung im Detail
Der Leitzins steigt von 3,50–3,75 % auf 3,75–4,00 %. Bemerkenswert an der Abstimmung: Sie fiel einstimmig aus — nachdem bei der Juli-Sitzung noch drei Notenbankpräsidenten (Lorie Logan, Beth Hammack, Neel Kashkari) für eine Erhöhung gestimmt hatten, gab es diesmal keinen Grund mehr für einen Dissens, da genau das eintrat, wofür sie plädiert hatten. Warsh selbst nannte drei Gründe für die „nüchterne, ernste, verantwortungsvolle" Entscheidung: eine robuste Wirtschaft und ein starker Arbeitsmarkt, anhaltend hohe Inflation — und die geopolitischen Risiken rund um den Nahen Osten.
Bei der begleitenden Zinsprognose verzichtete Warsh bereits zum zweiten Mal in Folge auf einen eigenen Punkt im Dot Plot — eine neu eingerichtete Kommunikations-Arbeitsgruppe soll das gesamte Format von Zinsprognose, Pressekonferenzen und Protokollen überprüfen. Von den verbleibenden 18 Mitgliedern erwarten laut der veröffentlichten Prognose zwölf mindestens eine weitere Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte in diesem Jahr, vier sogar zwei weitere Schritte — nur zwei rechnen mit keiner weiteren Erhöhung.
Leitzins Jahresende: 2026: 4,1 % · 2027: 4,1 % · 2028: 3,9 % · langfristig: 3,2 %
BIP-Wachstum: 2,3 % (2026) · Arbeitslosenquote: 4,1 % (2026–2028) · Kern-PCE-Inflation: 3,4 % (2026), zuvor 3,3 % im Juni prognostiziert
Quelle: Federal Reserve, Summary of Economic Projections vom 16. September 2026
Was Warsh sagte
„Fakt ist: Die Inflation ist zu hoch — und das schon zu lange", sagte Warsh auf der Pressekonferenz. Der Standard für ausreichendes Vertrauen, dass sich die Inflation dem Zwei-Prozent-Ziel annähert, sei „nicht erfüllt". Zur Energiepreis-Entwicklung durch den Nahost-Konflikt sagte er, die Fed könne einzelne Preise nicht beeinflussen, wohl aber verhindern, dass sich Preisverschiebungen „verbreitern" und zu Zweit- und Dritteffekten in der Gesamtwirtschaft führen.
Zum Arbeitsmarkt betonte Warsh, die Quote liege bei rund 4,1 % und damit weiterhin niedrig, offene Stellen und Wochenarbeitsstunden hätten zuletzt zugenommen: „Ich glaube nicht, dass wir dem Arbeitsmarkt schaden müssen, um unser Ziel zu erreichen." Zu Gesprächen mit Präsident Trump, der öffentlich niedrigere Zinsen gefordert hatte, äußerte sich Warsh nicht: „Dazu habe ich Ihnen nichts zu sagen — wir bleiben in unserer Spur." Auf die Frage nach den kommenden Sitzungen erteilte er erneut eine Absage an klare Signale: „Ich bin nicht im Geschäft der Forward Guidance."
Wie die Märkte reagierten
Bemerkenswert war der Verlauf des Handelstages: Rund um die Entscheidung um 20:00 Uhr deutscher Zeit notierten die Indizes zunächst noch im Plus — die Erhöhung selbst war schließlich zu rund 93 % eingepreist. Erst während und nach Warshs Pressekonferenz um 20:30 Uhr drehte die Stimmung: Der Dow schloss 1,21 % im Minus bei 51.461,90 Punkten, der S&P 500 gab 0,45 % auf 7.551,81 Punkte nach, der Nasdaq schloss nahezu unverändert. Bankaktien verzeichneten Berichten zufolge ihren schwächsten Tag seit Februar. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf rund 5,0 % und blieb damit nahe dem höchsten Niveau seit 2007. Der Dollar-Index legte auf den höchsten Schlusskurs seit Ende Juli zu.
Gold gab einen Teil seiner Gewinne aus dem Vorfeld der Entscheidung wieder ab und schloss leicht im Minus. Beim Ölpreis kam neben der hawkishen Fed-Kommunikation ein weiterer Faktor hinzu: Berichte, wonach die zuvor beschädigte saudische Ost-West-Pipeline in den kommenden Tagen wieder in Betrieb gehen soll, ließen sowohl Brent als auch WTI nachgeben.
Einordnung
Unter Ökonomen fiel die Einschätzung gespalten aus. Michael Pearce von Oxford Economics erwartet „eine weitere Erhöhung und dann eine Pause" und hält den Markt für zu weit vorausgeeilt, was künftige Straffungen angeht. Jeffrey Roach von LPL Financial zog dagegen die gegenteilige Schlussfolgerung: Setze sich die Wirtschaftsentwicklung fort, „könnte es bis 2028 keine Zinssenkung geben". Chris Zaccarelli von Northlight Asset Management verwies auf ein historisches Muster: Habe die Fed einmal mit Erhöhungen begonnen, folgten in der Regel mehrere. Goldman Sachs wiederum erwartet den nächsten Schritt eher im Dezember als im Oktober — die Fed dürfte die Oktober-Sitzung wegen ihrer Nähe zu den Zwischenwahlen eher auslassen.
Die Formulierungen der Sitzungserklärung blieben in den Kernpunkten — solide Wirtschaftsaktivität, stabiler Arbeitsmarkt, erhöhte geopolitische Unsicherheit — weitgehend ähnlich zur Juli-Erklärung. Entscheidend war damit weniger der Text selbst als Warshs mündliche Kommunikation in der Pressekonferenz.
Risiken und Gegenargumente
Die Einzelhandelsumsätze fielen deutlich stärker aus als erwartet — ein einzelner starker Monatswert lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres fortschreiben, zumal er unter dem Eindruck der Energiepreis-getriebenen Inflation ebenso gut vorgezogene Käufe widerspiegeln könnte. Die politische Lage bleibt zudem angespannt: Präsident Trump erklärte zwar, weiterhin Vertrauen in Warsh zu haben, forderte aber auf seiner Plattform Truth Social erneut deutlich niedrigere Zinsen „und zwar schnell". Das Weiße Haus bezeichnete die Erhöhung als „eher unglücklich" und ohne überzeugende wirtschaftliche Begründung.
Einordnung: Ob die Fed im Oktober oder erst im Dezember erneut handelt, ist unter Beobachtern umstritten — ebenso, ob es bei der jetzigen Erhöhung bleibt oder ob sich daraus, wie einzelne Stimmen befürchten, ein längerer Zyklus mehrerer Zinsschritte entwickelt. Beides lässt sich aus heutiger Sicht nicht seriös vorhersagen.
Synthese
Die erste Zinserhöhung seit 2023 markiert einen klaren Kurswechsel — doch Warshs Pressekonferenz und die Zinsprognose machen deutlich, dass die Fed diesen Schritt nicht als Schlusspunkt versteht. Die nächste Sitzung findet am 27./28. Oktober statt, mitten im politisch aufgeladenen Umfeld der bevorstehenden Zwischenwahlen. Ob und wie schnell weitere Schritte folgen, dürfte die Märkte in den kommenden Wochen weiter beschäftigen.
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